von Paulo Coelho

Romane, die von der Liebe handeln, gibt es viele. Dabei sind die Plots auch oftmals sehr kreativ und melodramatisch. Doch was, wenn die Liebe deines Lebens eines Tages, ohne auch nur ein Wort zu sagen verschwindet und alles darauf hindeutet, dass sie dich verlassen hat?

Paulo Coehlos Roman Der Zahir erzÀhlt solch eine Geschichte. Ein in Paris lebender erfolgreicher Autor, dessen Frau Esther, eine Kriegsreporterin, eines Tages ohne auch nur eine Notiz hinterlassen zu haben, verschwindet.

Er durchspielt alle Möglichkeiten, die ihm dabei in den Sinn kommen, durch. Wurde sie entfĂŒhrt? Hat sie einen neuen Liebhaber? Wurde sie erpresst? Er hĂ€tte alles fĂŒr möglich gehalten, doch niemals , dass sie sich ihm entzogen haben könnte und das, ohne ihn vorher zu warnen oder vorzubereiten.

Er lehnt es zu Beginn konsequent ab nach ihr zu suchen, da er sich sicher ist, dass sie aus freien StĂŒcken gegangen ist. Doch je mehr er sich anfangs strĂ€ubt, desto fataler prĂ€gt sich sein Verlangen sie zu finden zu einer allgegenwertigen Form der Besessenheit aus.

Esther nimmt allen Raum in meinem Leben ein. Ich dachte, ich wĂŒrde mich von ihr befreien, indem ich aufschrieb, was ich fĂŒhlte. Heute liebe ich sie auf eine stillere Weise, aber ich kann an nichts und niemand anderen denken.

S.204

Sie wird sein Zahir. Sie wird alles, was sein Leben betrifft. Sie ist nicht nur in seinen Gedanken, sie lenkt seine Gedanken. Sie ist nicht nur in seinem Herz, sie ist sein Herz. Egal, was er tut, egal, mit wem er ist, sie bleibt immer in seinem Geist anwesend.

Der Zahir ist etwas, was man, hat man es einmal berĂŒhrt oder gesehen, nie wieder vergisst und was unser ganzes Denken bis zum Wahnsinn besetzt. Mein Zahir sind keine romantischen Metaphern mit Blinden, Kompassen, Tigern oder mit jener MĂŒnze. Mein Zahir hat einen Namen, und sein Name ist Esther.

S. 57

So beschließt er sich auf die Suche nach ihr zu machen, koste es, was es wolle. Sie zu finden und ihr seine Liebe oder Nichtliebe zu gestehen, ist, nach seinen Überlegungen, der einzige Weg, um sich von dem Zahir zu lösen.

Auf dem Weg dorthin, begegnet er Menschen, die seine Lebenseinstellungen von grundauf verĂ€ndern. Er stellt zu seinem Bedauern fest, dass er seine Frau wohl doch nicht so gut kannte, wie er dachte und dass er all jenes, was er noch ĂŒber seine Frau lernen musste, durch ihm wildfremde Menschen lernen muss.


. diese Frau, die mich hat ja sagen lassen, als ich nein sagen wollte, mich gezwungen hat, um das zu kĂ€mpfen, was sie – zu recht- fĂŒr den Sinn meines Lebens hielt, die auf meine Anwesenheit verzichtet hat, weil ihre Liebe zu mir grĂ¶ĂŸer war, als ihre Liebe zu sich selbst (
) da plötzlich hĂ€mmerten meine Finger auf die Tasten der Schreibmaschine

S.36

Diese fĂŒr ihn außergewöhnliche Reise, die er bestreitet, verlĂ€uft vor allem durch sein Inneres und verlangt ihm alles ab.

Coelhos Roman zeichnet sich durch eine klare Sprache, die er allerdings mit vielen interessanten Metaphern verziert, aus. Seine immer wiederkehrenden Leitmotive der Liebe zu einem anderen Menschen, die er in Kontrast mit der Selbstliebe stellt, tauchen auch hier sehr deutlich auf.

Wenn man die Entwicklung des Protagonisten betrachtet, so findet man auch wieder eines seiner typischen Motive, nĂ€mlich die Selbstfindung. Dass diese bei vielen Menschen der Liebe Willen in den Hintergrund gedrĂ€ngt wird, liest man hĂ€ufig. Doch das interessante in diesem Roman ist die Tatsache, dass seine Selbstfindung zwar in Verbundenheit mit seiner Frau geschieht, allerdings in ihrer gĂ€nzlich körperlichen Abwesenheit. Es ist ein langwieriger Prozess, der den Leser zum Mitdenken bewegt und viel Raum fĂŒr Selbstreflexion und Reflexion seiner Ehe bietet.

Coelho schafft es außerdem den Leser die Zerstreutheit, Verzweiflung und die Verfallenheit auf der einen und die Entschlossenheit, UnermĂŒdlichkeit und Liebe des Protagonisten auf der anderen Seite, fĂŒhlen zu lassen.

Es ist ein hervorragender Roman, der das Innere des Protagonisten als Ich- ErzĂ€hler ausgesprochen gut enthĂŒllt ohne ihn komplett nackt und schutzlos den Lesern zu lancieren.